Zur Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Eupener Gefallenendenkmal
Eupener Gefallenendenkmal
1866 und 1871

Die Geschichte des deutschsprachigen Landesteils in Belgien ist überaus wechselvoll und vor allem geprägt durch die Grenzlage, die das Gebiet seit Menschengedenken einnimmt. In der Tat: Bereits zur Römerzeit verläuft die Grenze zwischen den alten Römerstädten Köln und Tongeren durch die Region.

Bis 1794, dem Ende des Ancien Régime, gehört der nördliche Raum, das sogenannte Eupener Land weitgehend zum Herzogtum Limburg und der südliche Raum (belgische Eifel) größtenteils zum Herzogtum Luxemburg. Manderfeld-Schönberg liegen am nördlichen Ende des Kurfürstentums Trier.

In den Jahren 1794-1795 erobert das revolutionäre Frankreich die österreichischen Niederlande und somit auch das Gebiet der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Als die Landkarte Europas auf dem Wiener Kongress 1815 nach der Niederlage Napoleons neugeordnet wird, fallen das Eupener Land, die Eifel und ein Teil der ehemaligen Abtei Stavelot-Malmedy an das preußisch gewordene Rheinland (ab 1830 preußische Rheinprovinz) und bilden dort die Kreise Eupen und Malmedy.

Das Gebiet Neutral-Moresnet (Kelmis) wird unter preußisch-niederländische (ab 1830 preußisch-belgische) Doppelverwaltung gestellt, weil es wegen seiner reichen Galmeivorkommen von mehreren Staaten beansprucht wird.

Im 1. Weltkrieg kämpfen die Eupen-Malmedyer noch auf Seiten des Deutschen Reiches. Doch durch den Versailler Vertrag 1919-1920 und nach einer umstrittenen Volksbefragung fallen die Kreise Eupen-Malmedy und Neutral-Moresnet an Belgien.

In den Jahren 1920-1925 unterstehen die ehemaligen Kreise dem Übergangsregime des Generalleutnants Baltia und werden in die drei Gerichtskantone Eupen, Malmedy und St. Vith aufgeteilt.

Innerhalb der Bevölkerung und in politischen Kreisen kommt Unmut über den Anschluss an Belgien auf. Eine starke revisionistische Bewegung stellt das als Diktat empfundene Vertragswerk von Versailles in Frage. In den Locarno-Verträgen vom Oktober 1925 verzichtet Deutschland allerdings auf eine gewaltsame Veränderung seiner Westgrenze.

Ab dem 1. Januar 1926 sind die "Neubelgier" aus Eupen-Malmedy vollwertige Belgier: Die belgische Verfassung und die belgischen Gesetze finden nun auch auf sie Anwendung. Allerdings befindet der belgische Staat sich in akuter Finanznot und führt Geheimverhandlungen mit Deutschland, um das Gebiet gegen 200 Millionen Goldmark wieder abzutreten. Die Verhandlungen scheitern aber am energischen Widerspruch Frankreichs.

Das Jahr 1933, als die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler in Deutschland an die Macht kommen, kann als Wendepunkt in der Geschichte der DG angesehen werden. Die Sozialisten um Marc Somerhausen geben ab 1933 ihre Forderungen nach einer Revision des Versailler Vertrags auf. Die revisionistische Bewegung in Eupen-Malmedy gerät zusehends in das Fahrwasser der NS-Propaganda; es tun sich tiefe Gräben zwischen den "probelgischen" und den "prodeutschen" Bevölkerungsteilen auf.

Am 10. Mai 1940 beginnt für Eupen-Malmedy, wie für Belgien und weite Teile Westeuropas, der tragischste Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hitlers Truppen marschieren in das Land ein. Einige Tage später werden Eupen-Malmedy sowie einige altbelgische Gebietsstreifen durch Führererlass dem Deutschen Reich einverleibt.

Die Kriegsbilanz ist für das kleine Gebiet Eupen-Malmedy ebenso verheerend wie für ganz Europa. 3.200 der 8.700 zur Wehrmacht eingezogenen Männer fallen an der Front, werden vermisst oder sterben in Gefangenschaft. Außerdem werden St. Vith und zahlreiche Eifelortschaften Ende 1944 während der Ardennenoffensive völlig zerstört. Nach der Befreiung durch die Alliierten wird das Gebiet wieder der belgischen Verwaltung unterstellt.

Mit dem Waffenstillstand am 8. Mai 1945 kehrt nicht wirklich Frieden in die Grenzregion ein. Denn der belgische Staat führt eine Säuberungswelle gegen vermeintliche und tatsächliche Mittäter des Nazi-Regimes durch. Die Epuration wird von der Bevölkerung als übertrieben hart und ungerechtfertigt empfunden. Dies vor allem deshalb, weil Belgien auf die einseitige Annexion des Gebietes durch Deutschland nicht wirklich reagiert hatte und nach dem Krieg zu wenig Verständnis für die spezifische Situation der Grenzregion aufbringt.

Fragen der Kriegsschädenregelung und vor allem die "Zwangssoldaten-Frage" beherrschen jahrzehntelang das politische Nachkriegsgeschehen. Letztere wird erst 1989 definitiv gelöst.

1956 wird mit der Unterzeichnung der belgisch-deutschen "Septemberverträge" bilateral ein Schlusspunkt hinter die bis dahin noch offenen Grenzfragen zwischen beiden Staaten gesetzt. Die Bundesrepublik Deutschland unterstreicht die völkerrechtliche Ungültigkeit der Annexion Eupen-Malmedys von 1940. Gemeinsam werden eine Grenzberichtigung, ein belgisch-deutsches Kulturabkommen und Ausgleichszahlungen vereinbart. Damit wird eine Epoche der belgisch-deutschen Aussöhnung und Zusammenarbeit eingeleitet, die auch dem Grenzgebiet um Eupen und St. Vith sehr zugute kommt.