TV-Sendung Fit & Gesund, Oktober 2002
Fit und munter im Alter - Fit im Kopf? (Alzheimer, Demenz & Co)
Ist das Altern ein unausweichliches Schicksal?
Tatsächlich tickt in jedem Lebewesen - das weiß man seit den 60er Jahren - eine Art innerer Uhr. Genauer gesagt, befindet sie sich in jeder unserer 70 Billionen Körperzellen. Ist diese Uhr abgelaufen, stirbt man. Jede Zelle hat nur eine begrenzte Anzahl von Erneuerungsmöglichkeiten, 50- bis 150 x kann sie sich teilen. Mit jeder Teilung wird die Zelle schwächer, und am Ende stirbt sie ab. So sterben täglich 600 Milliarden Zellen - genauso viele baut der gesunde, junge Körper wieder auf.
Das Problem: Diese Zellerneuerung läuft mit dem Älterwerden nicht mehr 100% ab. Das Altern ist ein biologischer Prozess, vergleichbar mit einer Batterie, die immer leerer wird, und das Lebenslicht leuchtet schwächer.
Das hat die Evolution vor Millionen von Jahren so eingerichtet.
Heute kämpfen Wissenschaftler weltweit dagegen an, sie versuchen, die biologische Uhr zurückzustellen.
Und so ähnlich geschieht das auch in unserem Gehirn?
Der Alterungsprozess betrifft auch unsere Hirnmasse.
Die Konzentrationsfähigkeit und Sprache bleiben erhalten, aber das Gedächtnis und die Merkfähigkeit lassen ab dem 25. Lebensjahr nach, wenn man nicht dagegen denkt und arbeitet, d.h. mit anderen Worten das Gehirn trainiert.
Es sterben zwar täglich etwa 50.000 Gehirnzellen ab, doch sind es die Verbindungen zwischen den Gehirnzellen, die den Geist jung halten. Es kommt also nicht auf die Anzahl Zellen im Gehirn an, sondern auf die Anzahl Verbindungen. Man kann sich das in etwa vorstellen wie elektrische Schaltkreise. Und davon kann man täglich neue bilden, auch noch im Alter von 120.
Unser Ende ist aber nicht für jeden von uns gleichermaßen vorprogrammiert?
Nein, denn die Menge der Schadstoffe, die tagtäglich unsere Zellen angreifen, ist von Person zu Person verschieden. Während der Energieerzeugung im Körper entstehen schädliche Abfallprodukte (sogenannte freie Radikale), die mit der Zeit Zellen und Erbsubstanz zerstören.
Auch bei einer ungesunden Lebensweise, in der man sich Umweltgiften, UV-Strahlen, Zigarettenrauch und Stress aussetzt und zuwenig Bewegung hat (besonders bei anders ungesunder Ernährungsweise) werden die Zellen mit freien Radikalen bombardiert. Jeder Zellkern wird täglich mindestens von 10.000 freien Radikalen attackiert. Stress erhöht die Dosis auf das 10fache.
Eine falsche Ernährung und eine ungesunde Lebensweise führen zu einer Unmenge an zerstörerischen Angriffen auf bestimmte Zellen. Jeder Angriff kann zu einem Genschaden führen und das Erbmaterial verändern. Die Folgen: Krebs, Arthritis, Herz- und Gefäßkrankheiten und Alzheimer.
Freie Radikale entstehen auf natürliche Weise im Zellstoffwechsel.
Wenn sie nicht überhand nehmen, haben wir ein gut funktionierendes System der Entgiftung. Entstehen aber große Mengen freier Radikale, zum Beispiel durch zusätzliche Einflüsse aus der Umwelt, wie Strahlen und andere Umweltgifte, oder im Rahmen von Krankheiten, dann ist unser eigenes Entgiftungssystem überfordert. Die Radikale richten Schaden an. Hier vermuten Wissenschaftler eine der Ursachen für das Altern.
A propos Alzheimer: der Begriff ist in aller Munde, aber worum handelt es sich da eigentlich?
Diese 1907 von dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer beschriebene Erkrankung gehört zu den degenerativen Erkrankungen des Gehirns. Degenerativ bedeutet, dass die Zellen dauerhaft geschädigt werden und dadurch ihre Funktion nicht mehr erfüllen können.
Die Alzheimer-Krankheit ist für 60 bis 70% der Demenzen verantwortlich. Es handelt sich um eine Degeneration der Hirnrinde. 4 bis 5 % der über 6Ojährigen sind betroffen, bei 5% der Betroffenen ist ein genetischer Einfluss nachgewiesen. Schlussendlich leiden 25% aller 85 jährigen an Alzheimer-Demenz.
Wie wird die Krankheit erkannt?
Dies ist absolut nicht leicht. Der Alzheimer beginnt schleichend.
Bei der Alzheimerschen Erkrankung handelt es sich nicht nur um Gedächtnisprobleme. Es kommen andere Leistungsstörungen des Gehirns dazu, wie die Unfähigkeit, Dinge miteinander zu verknüpfen, Zusammenhänge zu erkennen.
Das Wiedererkennen von Dingen, Orten und Menschen wird schwierig, z.B. verlaufen sich die Betroffenen häufig. Schließlich verlöscht die Erinnerung, nicht nur an die Ereignisse des Lebens, sondern an das Leben selbst, die eigene Person.
Der Anfang unterscheidet sich auch dadurch von den allgemeinen Alterserscheinungen, dass Störungen der Sprache dazu kommen.
Alltagsverrichtungen können immer größere Schwierigkeiten bereiten.
Typisch ist, dass den motorischen Störungen ein zerebraler Leistungsabbau vorangeht. Haltung, Stand und Gang verändern sich erst, wenn der intellektuelle Verfall erhebliche Ausmaße angenommen hat. Im Endstadium sind die Patienten ans Bett gefesselt und liegen stumm und steif da, bis sie durch eine Lungenentzündung oder einen anderen schweren Infekt von ihrem Leiden erlöst werden.
Muss denn nun jeder, der Gedächtnislücken hat, befürchten, an Alzheimer zu leiden?
Wir alle erleben, wenn wir älter werden, dass uns einfach mal etwas nicht einfällt, das wir uns schwerer tun, uns etwas Neues zu merken, oder das wir öfters einmal etwas vergessen. Dies ist normal.
Wer aber für sich selbst oder für einen Angehörigen eine Alzheimer-Erkrankung befürchtet, sollte einen Neurologen aufsuchen. Diese verfügen über Testmethoden, die es erlauben, die verschiedenen Erkrankungen von einander abzugrenzen.
Welche andere zerebrale Alterserscheinungen gibt es denn noch? Sind diese leichter zu unterscheiden?
Es gibt noch andere Ursachen für Gedächtnisschwierigkeiten. Stoffwechselstörungen können zur Demenz führen, wie auch starker Alkoholkonsum über Jahre hinweg.
Durchblutungsstörungen können ebenfalls zur Demenz führen.
Auch eine Depression darf nicht verkannt werden. Eine Leistungsminderung kann auch durch Mutlosigkeit und Interessenlosigkeit zustande kommen. Dieses als "depressive Pseudodemenz" bezeichnete Krankheitsbild lässt sich gegenüber einer echten organischen Demenz oft nur aufgrund der Reaktion auf eine Therapie mit Antidepressiva abgrenzen.
Auch gutartige oder bösartige Hirntumore können mit einem Intelligenzverfall einhergehen.
Weiterhin kommen manchmal auch Infekte und Schädel-Hirn-Traumen bei der Diagnosestellung in Frage.
Gibt es eine Behandlung für die Altersdemenz?
Zunächst muss der Neurologe feststellen, um welche Form der Demenz es sich handelt. Dazu wird er auch das Umfeld das Patienten befragen, um festzustellen, welche Bereiche besonders gestört scheinen. Außerdem werden Untersuchungsmethoden wie die moderne PET-Untersuchung des Gehirns (Positronen-Emissions-Tomographie) angewandt, um hirnorganische Schäden auszuschließen.
Hat man die Diagnose gesichert, so können moderne Medikamente zwar nicht heilen, aber den Krankheitsverlauf verzögern bzw. den Krankheitsverlauf eine ganze Zeit lang stoppen.
Auf diesem Gebiet laufen jede Menge Forschungen, auch auf dem Gebiet der eventuell möglichen Vorbeugung. Und das ist auch richtig so, wenn man bedenkt, wie belastend die Pflege von Alzheimerpatienten für die Angehörigen und die Gesellschaft ist.
Welchen Stellenwert hat die Vorsorge in bezug auf Altersdemenz?
Gehirn und Körper bilden eine Einheit. "Mens sana in corpore sano" sagten die alten Mediziner, "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper". Und Recht hatten sie. Wer also auf die Gesundheit seines Körpers achtet, tut auch viel für seine geistige Gesundheit.
Des weiteren ist eine rege geistige Betätigung (das sogenannte "Gehirnjogging") für die Funktion des Gehirns sehr wichtig. Allerdings sollte man nicht erst im Alter, sondern schon früh damit beginnen.
Leidenschaftliche Schachspieler und Menschen, die oft Kreuzworträtsel lösen, leiden erst später an Alzheimersymptomen! Der Grund: Die Gehirnzellen sind stärker vernetzt.