TV-Sendung Fit & Gesund, Februar 2002
Allergische Reaktionen des Verdauungsapparates
Sind Nahrungsmittelallergien häufig?
Bei üblicher Ernährung werden in 24 Stunden etwa 120 Substanzen aufgenommen, die eine Allergie auslösen können.
Tatsächlich spielt aber nur eine beschränkte Zahl in der Praxis eine Rolle. Auch die Ursachen von Nahrungsmittelallergien wechseln mit dem Lebensalter. Während bei Kleinkindern tierische Proteine (Kuhmilch und Hühnerei z.B. ) im Vordergrund stehen, ist bei Erwachsenen das Spektrum der Nahrungsallergene wesentlich breiter.
Welche Nahrungsmittel lösen denn die häufigsten allergischen Reaktionen aus?
Die sechs häufigsten Nahrungsmittel-Allergene sind: Kuhmilch, Hühnereier, Zitrusfrüchte und Tomaten, Weizen und Fisch. Die Tatsache, das man diese Produkte so oft antrifft wie das Amen in der Kirche auch in zusammengesetzter und versteckter Form, macht das Vermeiden von Allergie auslösenden Substanzen - nicht einfach, da bereits Spuren davon eine Allergie auslösen können.
Ist es in der Regel einfach, den Auslöser einer Nahrungsmittelallergie zu ermitteln?
Absolut nicht. Es ist manchmal ein geradezu detektivisches Vorgehen notwendig. Der Nachweis einer Nahrungsmittelallergie ist gewissermaßen die "hohe Kunst" der Allergologie. Dies ist dadurch bedingt ‚ dass
- viele Nahrungsmittelallergene recht instabil und damit deren Allergenextrakte wenig zuverlässig in der Diagnostik sind
- Die Reaktionen oft nicht gemessen oder gesehen werden können (Übelkeit, Leibschmerzen usw.)
- Auch nichtallergische Reaktionen ( durch Nahrungsmittelzusatzstoffe, Infektionen) ähnliche Symptome hervorrufen können.
Können Sie das etwas näher erklären?
Nicht jede Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln wird durch eine Allergie verursacht. Erinnert sei an Giftpilze, verdorbenen Fisch (denn der enthält eine große Menge an Histamin- eine Körpersubstanz, die Allergiesymptome hervorruft), mit Krankheitserregern infizierte Eier, Fleisch oder Eis.
Manche Menschen vertragen zudem bestimmte Speisen nicht, da ihnen z.B. Enzyme für deren Verwertung fehlen. Dies findet man z.B. bei Laktose (Milchzucker) - Unverträglichkeit.
Die Entstehung einer allergischen Reaktion ist also recht unterschiedlich?
Ja. Wir unterscheiden zwischen Unverträglichkeitsreaktion und einer Überempfindlichkeitsreaktion.
Nicht alles, was wie eine Allergie aussieht, ist auch wirklich eine Allergie.
Bei einer Überempfindlichkeitsreaktion - wie die Allergie auch genannt wird - bildet das Abwehrsystem nach einem erstmaligen Kontakt Antikörper gegen den Fremdstoff. Erst beim erneuten Kontakt (und hier reichen schon kleinste Allergenmengen aus) kommt es dann zu einer Eskalation: die sensibilisierten Organe reagieren mit allergischen Symptomen.
Und wie funktioniert die Unverträglichkeitsreaktion?
Bei diesen sogenannten pseudoallergischen Reaktionen hingegen ist das körpereigene Immunsystem nicht beteiligt.
Schon beim erstmaligen Kontakt mit der auslösenden Substanz treten Symptome auf, die denen einer allergischen Reaktion häufig ähnlich sind.
Unverträglichkeitsreaktionen werden oft von Nahrungs- oder Arzneimitteln ausgelöst, die eine Ausschüttung von krankmachenden Botenstoffen (z.B. Histamin) bewirken oder diese selbst enthalten.
Wenn der Ursprung einer Nahrungsmittelallergie schon verschieden ist, so wundert es nicht, das auch die Symptome, also die Krankheitszeichen, so vielseitig sind?
In der Tat. Je nachdem, ob die allergischen Symptome durch selten oder regelmäßig aufgenommene Nahrungsmittel ausgelost sind, ist das Erscheinungsbild sehr unterschiedlich.
Im ersteren Fall entwickeln sich meist akute Beschwerden( z.B. nach
Erdnuss, Kiwi), im letzteren dominieren chronische, oft schwer zu deutende Beschwerden, z.B. Übelkeit, Erbrechen, Leibschmerzen, Durchfälle, Blähungen.
Da dieselben Erscheinungen auch ohne Beteiligung einer Allergie auftreten können wie z.B. bei einer Infektion, ist die Diagnostik oft schwierig.
Sind Nahrungsmittel auch verantwortlich für Symptome, die nicht den Magen und Darm betreffen?
Häufig können sich darmferne Beschwerden einstellen, z.B. Juckreiz oder Quaddelsucht (die sogenannte "Urtikaria"), Verstärkung von Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Psoriasis, Schnupfen, Asthmaanfälle, Kreislaufbeschwerden, Migräne, Rheuma usw.
Wird ein Nahrungsstoff, der einmal eine allergische Reaktion ausgelöst hat, immer solche Reaktionen hervorrufen?
Nicht unbedingt. Der Organismus der Patienten kann sich umstellen und irgendwann diese Substanzen wieder vertragen.
Können Nahrungsmittelallergien auch lebensbedrohlich sein?
Ein anaphylaktischer Schock - also eine akute Kreislaufreaktion ist immer möglich.
Hauptursachen solcher dramatischen Erscheinungen sind vor allem Erdnüsse, echte Nüsse, Sellerie, Meeresfrüchte, Gewürze und Kiwi - aber auch - zwar seltener - Grundnahrungsmittel wie Getreide, Milch und Fleisch.
Nahrungsmittelallergien sind die Ursache für etwa ein Drittel der tödlich verlaufenden anaphylaktischen Reaktionen.
Hochempfindliche Allergiker sind dadurch gefährdet, dass manche der genannten Substanzen oft undeklariert verarbeitet werden, und manchmal bereits Spuren lebensbedrohliche Reaktionen auslösen können.
Wie kann man denn feststellen, welcher Nahrungsbestandteil die allergische Reaktion auslöst?
Kennt man verdächtige Nahrungsmittel, so muss man sie einige Tage total weglassen und setzt dann langsam eine Substanz nach der anderen der Nahrung wieder zu.
Ansonsten sollte während einigen Tagen eine sogenannt Such-Diät gemacht werden, wo nur ganz natürliche, einfache Grundnahrungsmittel gegessen werden und zwar :
Leicht gekochte Kartoffeln, und in Wasser gekochter Reis
Mais
Frisches Gemüse ( roh und leicht gekocht), aber keine Tomaten
Obst ( frisch oder gedörrt)
In dieser Zeit sollte man jedenfalls unbedingt auf Brot und Backwaren, alle Wurstsorten, alle Fertiggerichte, Konserven und Gewürze verzichten.
Welche sind die häufigsten Symptome allergischer Reaktionen?
Sie sind äußerst vielseitig und können sämtliche Organe und Körperstrukturen betreffen.
Allgemeinsymptome:
Müdigkeit, Leistungsschwäche, Frieren, Schwindel
Hautsymptome:
Exantheme wie Urtikaria z.B., Juckreiz, Quincke Ödeme, Psoriasis, Neurodermitis
Schleimhautreizungen:
Rhinitis und Niesreiz, Bindehautentzündung der Augen und Augenbrennen, Husten, Asthma bronchiale
Magen-Darm-Symptome:
Mundschleimhautentzündungen, Völlegefühl, Gastritis, Durchfälle, Blähungen und Dickdarmentzündungen
Herz-Kreislauf-Symptome:
Blutdruckschwankungen, Ohnmachtsanfälle, unregelmäßiger oder zu schneller Puls
Blasensymptome:
Reizblase, Neigung zu Harnwegsinfekten
Muskeln und Gelenke:
Muskelschmerzen, rheumatische Beschwerden
Psychische Symptome:
Verstimmung, innere Unruhe, Angst und Panikzustände, bei Kindern Aggressivität und Hyperaktivität.
Kopfschmerzen und Migräne
Gewichtsschwankungen
im Extremfall der sogenannte "anaphylaktische" Schock