TV-Sendung Fit & Gesund, November 2002
Kinder und Gesundheit - Ist Hyperaktivität eine Modeerscheinung?
Wer kennt ihn nicht, den "Zappelphilipp", das ständig unruhige, konzentrationsschwache und aufmerksamkeitsgestörte Kind?
Ist das ein Phänomen unserer relativ stressigen Zeit?
Nicht unbedingt. Schon 1847 beschrieb der Arzt und Schriftsteller Heinrich Hoffmann im Struwwelpeter den "Zappelphilipp". Mit dieser Darstellung in einem Kinderbuch gab er eine exakte Beschreibung dessen, was heute als "hyperkinetisches Syndrom" vielen Ärzten und Eltern Sorgen bereitet.
Wie häufig gibt es diese " Sorgenkinder "?
Die Zahl der betroffenen und erkrankten Kinder ist in den letzten 20 - 30 Jahren erheblich gestiegen - zählt man jetzt doch bis zu 10% aller Kinder und Jugendlichen zu den Betroffenen.
Es besteht Verdacht auf ein " Hyperkinetisches Syndrom ", wenn die typischen Zeichen und Beschwerden länger als sechs Monate beobachtet werden. Das hyperkinetische Syndrom ist eine Erkrankung, die bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter auftritt und nur sehr schwer selbst zu behandeln ist.
Wenn ich nun den Verdacht habe, dass mein Kind hyperkinetisch ist - was sollte ich dann tun? Auf jeden Fall den Verdacht vom Arzt überprüfen lassen?
Wer glaubt, einen Zappelphilipp zu Hause zu haben, sollte erst einmal prüfen, ob auch die Umgebung das Kind als unruhig und belastend empfindet.
In manchen Fällen sind die Eltern durch anderweitigen Stress so erschöpft und gereizt, dass für sie schon die altersgemäße Lebhaftigkeit ihres Kindes schwer zu ertragen ist.
Ist auch die Umgebung der Meinung, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, sollte man einen Arzt zu Rate ziehen.
Welche Symptome haben diese hyperaktiven Kinder?
Hyperaktive Kinder sind dauernd in Bewegung, sie sind unkonzentriert, leicht ablenkbar, aggressiv, ungehorsam, außerdem reden sie ständig, können Hände und Füße nie stillhalten und stören mit ihrer Unruhe ununterbrochen den Unterricht.
Ein echter Zappelphilipp steht unter starker innerer Spannung und kann sich nicht ruhig halten. Eltern und Lehrer meinen oft, das Kind könnte, wenn es nur wollte.
Dadurch fühlt es sich unverstanden und ungerecht behandelt.
Wie kann man dieses Phänomen erklären?
Diese Symptome können organische und psychische Gründe haben.
Organische Gründe können z.B. sein:
- Unerkannte Seh- oder Hörstörungen
- Stoffwechsel- oder Schilddrüsenstörungen
- Eine geschädigte Darmflora infolge antibiotischer Behandlung oder falscher Ernährung
- Und sehr häufig eine Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln
Diese Faktoren müssen natürlich zunächst überprüft werden.
Die nicht - organischen, also die psychischen Gründe sind allerdings mit Sicherheit viel häufiger die Ursache!
Neben Rechen-, Schreib- oder Leseschwäche, wo einerseits eine Funktionsstörung des Gehirns (eine sogenannte "Teilleistungsstörung") vorliegen kann, anderseits aber auch psychischer Druck als Ursache in Frage kommen, gibt es für die Hyperaktivität auch Gründe wie
- hin und wieder eine familiäre Veranlagung
- eine kindliche Überforderung
- ein Mangel an Zuwendung
- oder eine inkonsequente Erziehung
Wer von kindlicher Überforderung spricht, denkt gleich an Schulschwierigkeiten.
Es können auch Familienprobleme dahinter stecken, eine zu strenge Erziehung und auch - und das ist nicht selten - einfach zu wenig Freizeit !
Schulkinder brauchen ausreichend Entspannung durch Tätigkeiten, die ihnen Spaß machen.
Je nach Alter und Umfeld gehören dazu Lesen, Fernsehen, Video- und Computerspiele, Musikhören, Freunde treffen, Sport und Spielen.
Manchmal sitzen die Kinder in ihrer Freizeit nur vor dem Bildschirm - das lastet sie nicht aus, weil vor allem der natürliche Bewegungsdrang der Kinder gestört wird. Oder aber die Ambitionen der Eltern bestimmen Freizeitprogramm von Kindern. Und das führt dann früh oder spät unweigerlich zu Problemen.
Wenn die Eltern zu ehrgeizig sind, sind die Nachmittage oder Abende ausgefüllt mit Tennis, Ballett, Musikunterricht oder anderen Freizeitaktivitäten, die nicht immer dem Wunsch der Kinder entsprechen.
Statt zur Entspannung kommt es dann zu Überforderung, ausgelöst durch zusätzliche Pflichten sowie den damit verbundenen Leistungs- und Zeitdruck.
Man soll also das Kind selbst und frei entscheiden lassen?
Ja, man sollte die Kinder mit entscheiden lassen und die Entscheidung dann auch akzeptieren. Kinder sollten frei wählen dürfen, ob sie in der Freizeit Verpflichtungen eingehen wollen und welche. Auch wenn es nicht den Vorstellungen der Eltern entspricht!
Im Gegenteil, wenn das Kind mehr unternehmen möchte, als zu schaffen es in der Lage ist, sollte man es behutsam darauf aufmerksam machen und gemeinsam mit ihm überlegen, welche Aktivitäten wichtig und welche entbehrlich sind.
In den Medien ist viel die Rede von einer medikamentösen Behandlung der hyperaktiven Kinder. Was ist davon zu halten?
Seit über 30 Jahren werden zur "Ruhigstellung" des hyperaktiven Kindes Hirnstimulantien eingesetzt. Diese Medikamente regen das Gehirn an, haben aber auf hyperaktive Kinder paradoxerweise einen ausgleichenden Effekt.
Die medikamentöse Therapie ist aber immer mit Vorsicht zu genießen. Hyperkinetiker mit Medikamenten "ruhig zu stellen", ist eine verführerische, weil einfache Lösung. Sie will aber gut überlegt sein. Zum einen gilt es, wie eben bereits erwähnt, mögliche organische Ursachen auszuschließen und auch den eigenen Lebensstil zu überprüfen! Hilft das nichts, und leidet das Kind sehr unter seiner Hyperaktivität, kann die vorübergehende Einnahme von Ritalin oftmals die letzte "Notbremse" sein.
Bei weniger schwer betroffenen Kindern sollte diese medikamentöse Behandlung nicht zur Anwendung gelangen?
Sie ist dann wahrscheinlich nicht unbedingt erforderlich. Die Verschreibung sollte in jedem Fall nicht leichtfertig erfolgen, und auch von einem Fachmann geprüft werden.
Da aber derart unruhigen Kinder oftmals in ihrer ganzen Entwicklung beeinträchtigt sind, brauchen sie die Hilfe von Eltern, Ärzten, Psychotherapeuten und Lehrern. Diese Hilfe muss mehr beinhalten als die Gabe von Arznei.
In allen Fällen sollte man auch nach möglichen Nahrungsmitteltunverträglichkeiten fahnden wie z.B. einer Kuhmilch- oder Zuckerallergie. Das ist oft der Fall, wenn ein hoher, fast suchtmäßiger Konsum von süßen Sachen oder Milchprodukten vorliegt.
Also ist eine Ernährungs- und Lebensumstellung nötig?
Das ist in der Tat fast immer so. Es gibt ebenfalls Theorien, die die Phosphate in der Nahrung für die Entstehung dieser Krankheit mitverantwortlich macht.
In den letzten 20 bis 30 Jahren ist die Verwendung der Phospate in der Ernährung und Umwelt in erheblichem Masse kontinuierlich angestiegen.
Sie finden in großem Ausmaß als Zusatzstoffe in der Nahrung Verwendung, indem sie als Konservierungsstoffe dienen, als Quellmittel, Geschmacksverstärker und vieles mehr.
Darüber hinaus finden Phosphate Anwendung in der Düngung, der Trinkwasseraufbereitung, in Zahnpasten, Seifen und Waschmitteln. Tatsächlich ist ein direkter Zusammenhang zwischen Phosphatkonsum und Hyperaktivität nicht erweisen, gilt aber als möglicher Auslöser.
Offensichtlich ist die Thematik sehr komplex.
Das ist sie in der Tat. Deshalb nützt es den Betroffenen wenig, zu schnell zur einfachen Lösung in Form einer medikamentösen Therapie zu greifen.
Die Einstellung, die man den Kindern damit vermittelt, ist recht gefährlich: Wenn die Kinder auf diese Weise lernen, dass es für jedes Wehwehchen ausreicht, schnell ein Medikament zu schlucken, fördert man damit eine Einstellung, die später schnell zu Sucht und Abhängigkeit führen kann.
Natürlich sind Medikamente hilfreich; man sollte ihren Einsatz jedoch gut überlegen.