TV-Sendung Fit & Gesund, November 2002
Kinder und Gesundheit - Kinder und Medikamente (Für jedes Wehwehchen das richtige Medikament?)
Untersuchungen haben ergeben, dass zahlreiche Kinder schon regelmäßig Medikamente schlucken. Auch in Ostbelgien ist es, wie eine Umfrage ergab, offensichtlich gang und gäbe, das Kinder regelmäßig Medikamente einnehmen. Gibt es eine Erklärung dafür?
Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet durch hohe Anforderungen, ist sehr leistungsorientiert. Wir müssen täglich mit wachsendem Konkurrenzverhalten klar kommen, sollen möglichst erfolgreich sein, "fit sein", "gut drauf" sein, "funktionieren" und vor allen Dingen, "Leistungen erbringen".
Dieses lernen die Kinder sehr früh, früher als in vergangenen Generationen, allerorten und mit mehr Nachdruck. Dabei wird dann auch oft zu Hilfsmitteln in Form von Medikamenten oder Substanzen gegriffen, die z.B. leistungsfördernd wirken sollen.
Ist das nicht verständlich? Sicher wollen die Eltern nur das Beste für ihr Kind?
Verständlich schon. Nur sind die Eltern nicht die einzigen Akteure, die sich mit dem Thema befassen: die Pharmaindustrie wirbt mit teilweise aggressiven Mitteln, einige Ärzte verschreiben relativ bedenkenlos alle möglichen Mittelchen. Eine steigende Zahl von Eltern und Lehrern scheint der Meinung zu sein, mit Medikamenten die Leistung und/oder Anpassung ihrer Kinder sichern zu müssen. Dies führt aber dazu, dass Medikamentenkonsum allgegenwärtig wird und fast normal. Hierdurch wird aber logischerweise den Arzneimittelgebrauch und -missbrauch der Kinder im Schulalter gefördert.
Um welche Medikamente geht es hauptsächlich bei Kindern?
Meist handelt es sich um:
· Vitamin-Tabletten (sind bei einer gesunden, ausgewogenen Ernährung überflüssig)
· Grippemittel (obwohl die Grippe mit Tabletten 1 Woche, ohne Tabletten 7 Tage anhält),
· Medikamente gegen Schul-, Familien- und Freizeitstress (anstelle der Suche nach alternativen Vermeidungs- oder Bewältigungsmöglichkeiten)
· Schmerzmittel gegen Menstruationsbeschwerden oder Kopfschmerzen
· Stärkungsmittel und nicht zuletzt Medikamente, die unsere Familien und Schulen von störenden, unkonzentrierten, oder vermeintlich zu bewegungsfreudigen Kindern befreien sollen.
Müssen wir demnächst mit "amerikanischen Verhältnissen" rechnen? Gerüchten zufolge ernährt sich der Durchschnittsamerikaner von Fast Food und Vitamintabletten, die dann die Mangelernährung ausgleichen sollen.
Der Trend ist besorgniserregend.
Man kann im Großen und Ganzen 2 Arten von häufig konsumierten Medikamenten unterscheiden:
1. diejenigen, die einem Problem vorbeugen sollen (dabei werden die einfachsten und billigsten Vorbeugemaßnahmen, nämlich gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung, häufig nicht beachtet), und
2. die Medikamente, die irgendeinen echten oder vermeintlichen Mangel beheben sollen. Dabei wird oft nicht darüber nachgedacht, ob es eine Alternative zum Medikament gibt.
Gibt es Statistiken darüber, wie es um den Medikamentenkonsum im Kindesalter bestellt ist?
Ja. Und die sind mitunter erschreckend.
Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren erhalten im Durchschnitt genauso viele Medikamente, wie die Altersgruppe der 45 bis 49jährigen !
Dabei entfallen 50% der Arzneimittel natürlich auf Hustenmittel, Antiallergika, Schmerzmittel und Mittel gegen Bronchitis.
Kinder aus begüterten Familien schlucken dabei deutlich mehr Medikamente als Kinder aus einfacheren Verhältnissen! Dies beweist, wie sehr die Einstellung zu Medikamenten von der häuslichen Umgebung geprägt ist.
Werden diese Medikamente eher von den Ärzten verschrieben oder werden auch viele Medikamente eingenommen, die frei verkäuflich sind?
Laut Untersuchungen wird ein wachsender Anteil von Selbstmedikation festgestellt (z.Z. liegt der Anteil bei etwa 23 %). Dabei handelt es sich vor allem um Vitamine, Mittel gegen Hauterkrankungen und Schmerzmittel.
Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass für Kinder die Selbstmedikation eigentlich eine problematische Fremdmedikation der Eltern darstellt.
Zugleich fördert die Selbstmedikation bei Jugendlichen ein, in seiner Wirkung für den Medikamentenmissbrauch, nicht zu unterschätzendes Verhaltensmuster.
Es gibt wahrscheinlich viele Gründe die man anführt, um diese steigende Tendenz zu erklären und / oder zu rechtfertigen?
In der Tat nimmt die Zahl der Beschwerden bei Kindern zu. Eine mögliche Ursache liegt wahrscheinlich in dem wachsenden Leistungsdruck (in Familie, Freizeit und Schule) begründet. Darauf reagieren dann immer mehr Kinder und Jugendliche mit Stresssymptomen und psychosomatischen Erkrankungen (z.B. Kopf- und Bauchschmerzen, Nervosität, Schlafbeschwerden, Konzentrationsschwächen). Häufig fehlen den Kindern und Jugendlichen die Bewältigungsmechanismen, so dass sie auf Belastungen mit Erkrankungen reagieren.
Bewältigungsmechanismen bedeutet, dass Körper und Seele die Chance erhalten, mit Belastungen fertig zu werden. Dies geschieht, indem man für Ausgewogenheit sorgt: Anspannung / Anstrengung muss sich abwechseln mit Entspannung. Ausreichend Bewegung und eine abwechslungsreiche Ernährung helfen, den Körper wiederstandfähig zu machen gegenüber Aggressionen und Stress.
Diese Beschwerden werden statt dessen häufig mit Medikamenten behandelt?
Leider geht der Trend dahin, dass immer mehr Ärzte und Eltern - und mit fortschreitendem Alter auch die Schüler selbst - zur schnelllindernden Pille greifen.
Arzneimittel sollen Schüler gerade in ökonomisch unsicheren Zeiten stabilisieren, die Leistungsfähigkeit sichern.
Vor allem bei Kopfschmerzen greifen immer mehr Schüler zu einem Mittel, mit dem sie den Schmerz "wegschlucken" wollen. Dabei liegen gerade die Ursachen für Kopfschmerzen häufig in der Lebensweise begründet und könnten deshalb ohne Medikamente relativ einfach behoben werden!
Was verursacht vermutlich die meisten dieser Schmerzen bei Jugendlichen?
Wahrscheinlich sind die wichtigsten Stressfaktoren vor allem Ärger in der Schule und in der Familie, z.B. Prüfungen oder erhöhte Leistungsanforderungen der Eltern.
Die Schmerzen sind in der Regel real, wenn eben auch nicht nur durch körperliche Faktoren verursacht.
Natürlich gibt es auch einen körperlich erklärbaren Konsum, z.B. bei Mitteln gegen Erkältungen und Mitteln gegen Regelschmerzen. Aber:
- 4% der Jugendlichen benutzen bereits Herz-Kreislaufmittel,
- 5% haben Erfahrungen mit Anregungsmitteln
- 2% mit Beruhigungs- und Schlafmitteln
- 7% der Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren brauchen wöchentlich mindestens 1x Kopfschmerzmittel
Diese Zahlen sind recht besorgniserregend.
Wird allgemein zu leichtfertig zu Medikamenten gegriffen?
Das kann man sicher feststellen. Die schnelle Lösung ist zu attraktiv - um die gesundheitlichen Folgen machen sich viele Personen offenbar keine großen Gedanken. Viele Kopfschmerzpatienten trinken z.B. zuwenig. Ein Lehrer berichtete mir beispielsweise von einem ein Schüler, der den ganzen Vormittag über nichts aß und nichts trank. Mittags klagte er natürlich über Kopfschmerzen. Er verlangte nach einer Tablette - die Idee, dass seine Kopfschmerzen auf Austrocknung oder einfach Hunger zurückzuführen sein könnten, ist ihm nicht gekommen.
Zahlreiche Personen leiden auch an den sogenannten "Spannungskopfschmerzen", die durch verspannte Muskeln hervorgerufen werden. Wer hier jedes Mal zur Tablette greift, beseitigt nur die Symptome, nicht die Ursachen. Diesen Patienten wäre mit einem Spaziergang um den Block, bei dem sie Sauerstoff tanken und sich etwas entspannen können, oft viel besser gedient, statt gleich zu einem Medikament zu greifen.
Das pharmakologische Lösungsmodell ist wohl gesellschaftlich vollkommen akzeptiert ?
Hier liegt wohl das Problem. Medikamente sollten eigentlich für alle, und nicht nur für Kinder, immer ein notwendiges Übel sein.
Aber für viele Kinder ist es selbstverständlich geworden, dass ihre Mütter und Väter ständig bis zu drei verschiedene Tablettensorten mit sich tragen, dass immer mehr Erwachsene in den verschiedensten Situationen, bei kleineren oder größeren Problemen, Hilfe von der Tablette erwarten oder mit ihr ihre Arbeitskraft und ihre sozialen Beziehungen zu sichern suchen.
Hier ist ein Umdenken wohl dringend notwendig! Wie kann man konkret etwas dagegen tun?
Das ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.
Um speziell für Jugendliche, wirkliche Lösungen ihrer Probleme, anstelle von Scheinlösungen zu ermöglichen, müssen Schulen mit in die Prävention einbezogen werden. Insgesamt müsste die Medikamentenwerbung besser kontrolliert werden und spezifische Familienhilfe, Jugendarbeit und Schulsozialarbeit gefördert werden. Allerdings kann jeder bereits zuhause damit anfangen:
wichtig ist, dass die Erwachsenen ein anderes Modellverhalten im Umgang mit Medikamenten praktiziert. Wer selbst schnell zur Tablette greift, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Kinder es nachmachen.