TV-Sendung Fit & Gesund, November 2002
Kinder und Gesundheit - Sexualität bei Kindern und Jugendlichen
Die von den 68ern ausgerufene sexuelle Revolution hat, so scheint es eine Generation später, in Wirklichkeit nicht stattgefunden. Auch steigt die Zahl der ungewollten und ungeplanten Schwangerschaften bei Jugendlichen seit Jahren an, allen Angeboten an Verhütungsmitteln zum Trotz.
Angesichts der steigenden Zahlen ungewollter Schwangerschaften stellt sich natürlich die Frage, ob die Aufklärung der Kinder und Jugendlichen, so wie sie in der Regel erfolgt, ausreicht. Untersuchungen haben wohl auch ergeben, dass Eltern Gespräche über Sex und Verhütung noch immer peinlich finden.
Warum diese Haltung und welche sind die Folgen?
Weil Mädchen heute viel früher geschlechtsreif werden, zeigt solche Prüderie fatale Folgen. Denn bei Teenager ist das detaillierte Wissen über Sex eigentlich sehr gering, die Illusion, viel zu wissen, dagegen groß. Das belegen regelmäßig Befragungen.
Was jetzt die Eltern angeht, so ist für viele das Gespräch über Sex und Verhütung offenbar eine peinliche Pflichtübung. Oft möchten Eltern ihre "Kleinen" möglichst lange vor dem Thema Sex bewahren.
Womöglich fürchten sie, "dass die Theorie Lust auf die Praxis weckt". Oder aber ihr Umgang mit dem eigenen Körper ist von einer strengen, lustfeindlichen Erziehung sehr geprägt worden.
Ist das nicht eine gefährliche Einstellung?
In der Tat. Denn allein die biologischen Tatsachen sprechen für frühzeitige Aufklärung - die Mädchen können theoretisch immer früher schwanger werden.
Seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also in etwa 150 Jahren, hat sich der Zeitpunkt der ersten Menstruation um 6 Jahre vorverlagert!
Wissenschaftler errechnen, dass im Jahr 2010 die Mädchen durchschnittlich schon mit 10,5 Jahren ihre erste Periode bekommen, und somit auch schon geschlechtsreif sein werden.
Kann man einen Grund dafür finden?
Als Grund führen Forscher das beschleunigte Körperwachstum in Industrieländern an: Die Geschlechtsreife setzt meist ein, wenn Mädchen annähernd ihre Erwachsenengröße und mindestens 45 Kg Körpergewicht erreicht hätten.
Und die frühe Geschlechtsreife hat dann zur Folge, dass die Kinder immer früher schwanger werden können.
In der Regel sind die Kinder geschlechtsreif, bevor sie so richtig wissen, was sie da tun. Mit teilweise dramatischen Folgen. Im Jahr 2001 zählten Statistiker in Deutschland z.B. immerhin 9 Abtreibungen bei Zehnjährigen, 4 bei Elfjährigen, dann 18 bei Zwölfjährigen, über Hundert bei 13-Jährigen und fast 600 bei 14-Jährigen.
Das sind offizielle Angaben, doch die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich viel höher.
Danach müssten spätestens Kinder im vierten Volksschuljahr bestens Bescheid wissen?
Eigentlich ja. Aber in dieser Altersklasse gibt es, auch aus Mangel an Offenheit seitens der Eltern, bisher noch Vorbehalte und in späterem Alter Versäumnisse.
Trotz Aufklärungskampagnen, Schulaktionen usw. werden immer mehr Minderjährige ungewollt schwanger und entscheiden sich, meist nach schweren Konflikten, gegen das Kind.
Während die Zahl der Teenager-Mütter annähernd konstant bleibt, steigt dagegen die Zahl der Abtreibungen bei jungen Mädchen ab 13 drastisch an.
Hapert es an der Qualität der Aufklärung? Oder nehmen die Teenies die Verhütung auf die leichte Schulter und sagen sich, mir passiert nichts?
Bedenklich ist das Zusammenspiel von mehreren Entwicklungen:
Die "Sex-Anfänger" werden immer jünger. Wenn die 1975 geborenen durchschnittlich im Alter von knapp 16 Jahren das erste Mal Geschlechtsverkehr hatten, so war es für den Jahrgang 1980 z.B. im Durchschnitt schon mit 14 Jahren.
Und je jünger Mädchen und Jungen sind, desto ungeplanter und überraschend kommt der erste Geschlechtsakt. Und desto weniger denken sie an Verhütung.
Durchschnittlich verhüten quasi 20% beim ersten Sex gar nicht oder völlig unzureichend.
Dann ist es reine Glücksache, wenn es da nicht zu ungewollten Teenie-Schwangerschaften kommt. Müsste der Aufklärungsunterricht in den Schulen oder die Aufklärung seitens der Eltern anders aussehen?
Auch wenn der Aufklärungsunterricht flächendeckend und fächerübergreifend Pflicht ist, so ist die Sexualerziehung oftmals doch zuviel am Biologie-Unterricht orientiert, zu technisch und auch häufig eine einmalige, zeitlich begrenzte Sache.
Nur einmal erklären, wie die Pille oder ein Kondom funktioniert, reicht einfach nicht.
Obendrein hängt das, was an Sexualerziehung in den Schulen läuft, häufig vom Einsatz einzelner Lehrer ab - und wenn es diese motivierten Lehrer nicht gibt, werden die Kinder eben kaum und unzureichend aufgeklärt.
Was in den Schulen verpasst wird, ist andernorts schwer nachzuholen?
Mit Sicherheit. Gerade mit Jugendlichen in der Pubertät ist der Dialog in der Regel nicht einfach. Wer erst dann versucht, mit dem Nachwuchs ins Gespräch zu kommen, hat den Zug oft schon verpasst. Die Gespräche sind aber der Schlüssel zu einer erfolgreichen Aufklärung: die Kinder und Jugendlichen müssen die Informationen verarbeiten können, auch Fragen stellen können.
Eine Befragung von minderjährigen Schwangeren und einer gleichaltrigen Vergleichgruppe hat gezeigt, dass die schwangeren Teenies deutlich später und seltener in ihren Familien über Sex, Liebe und Partnerschaft gesprochen haben.
Sexualität hat ja mehrere Aspekte, sollte man da nicht ansetzen?
Sexualität hat eine große Bedeutung für das seelische Gleichgewicht von Menschen.
Abgesehen vom Fruchtbarkeitsaspekt und Lustaspekt, die natürlich vordergründig stehen, hat Sexualität noch andere ganz bedeutsame Sinnaspekte: die der eigenen Identität und den Aspekt der Beziehung zu anderen Menschen ganz allgemein.
All das müsste idealerweise immer wieder angesprochen werden
Das bedeutet u.a. Selbstwertgefühl zu entwickeln, sich selbst, auch den eigenen Körper zu (be)achten und zu lieben.
Sich als Mädchen oder Junge als wichtig zu erfahren, ist der beste Start in eine Beziehung, in der Geben und Nehmen ausgeglichen ist, wo Geborgenheit, Sinnlichkeit im Hautkontakt, aber auch Zärtlichkeit vorrangig ist und nicht Egoismus, Selbstbefriedigung und Selbstbestätigung dominieren.
Dies sind Dinge, die nicht nur für ein erfülltes Sexualleben, sondern überhaupt für die Beziehung zu anderen Menschen wichtig sind.
Eine Sexualerziehung, die sowohl die positiven, lustvollen, lebensbejahenden Aspekte als auch die unterschiedlichen Schattierungen von Aggression und Gewalt thematisiert, fördert effektiv Stärke, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Autonomie. Autonomie bedeutet auch, Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu bekommen.
Eine solche Sexualerziehung ist dementsprechend auch Vorbeugung von sexuellem Missbrauch.
Nun dürfte es für Eltern, die selbst Zuhause keinen lockeren, selbstverständlichen Umgang mit den Themen Liebe und Sexualität erfahren haben, nicht ganz einfach sein, es bei den eigenen Kindern besser zu machen. Gibt es ein paar Tipps?
Zunächst: es gibt kein ideales Alter. Man sollte schon warten, bis die Kinder Interesse zeigen oder Fragen zum Thema stellen. Dies wird bei jedem Kind zu einem anderen Zeitpunkt der Fall - zwischen dem Alter von 2 Jahren und 10 Jahren ist ungefähr alles drin.
Ansonsten ist die Gefahr groß, die Kinder zu überfordern.
Es gibt sehr gute Bücher für Kinder, die das Thema altersgerecht aufarbeiten. Diese kann man den Kindern geben, und ihnen anbieten, Fragen oder nicht verstandene Dinge gemeinsam zu besprechen. Eventuell kann man auch einen anderen Erwachsenen bitten, das Thema einmal anzuschneiden. Es sollte sich hier aber um eine Person handeln, die das Kind kennt und der es vertraut - die Tante z.B. oder der Leiter der Jugendgruppe.